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Orange Is The New Black – Ist Trans* das neue schwul?

Ein Essay von Jessica Purkhardt

Wann genau, weiß heute niemand mehr. Nur dass es im August 1966 stattgefunden hatte. Die Akten der Polizei gibt es nicht mehr und keine Zeitung berichtete damals darüber.

Doch seit elf Jahren steht an der Ecke von Turk Street und Taylor Street in San Francisco eine Gedenktafel auf der steht: „Der Gene Compton’s Cafeteria Aufstand 1966: An dieser Stelle vor Gene Compton’s Cafeteria traten in einer Augustnacht Transgender-Frauen und schwule Männer für ihre Rechte ein und widersetzten sich Polizeigewalt, Armut, Unterdrückung und Diskriminierung in Tenderloin. Wir, die transgender, schwule, lesbische und bisexuelle Community widmen diese Gedenktafel den Held*innen unserer Bürgerrechtsbewegung.“

Debüt der Trans*Community

Auf den ersten Blick wirkt es holprig und wie ein Versehen. Üblicherweise stehen Trans* an vierter Stelle der LGBT…-Buchstabenreihung. Dass sie aber auf der Erinnerungsplakette an dieser kalifornischen Straßenkreuzung zuerst genannt werden, ist dennoch durchaus angebracht.

Schon lange hatten Trans* an diesem beliebten Treffpunkt des Viertels unter den ständigen Schikanen und willkürlichen Festnahmen durch die Polizei zu leiden gehabt. Und in jener Nacht waren es vor allem Trans*frauen und Drag Queens, die dagegen aufbegehrten. Aus einem geworfenen Kaffeebecher wurden umgeworfene Tische, fliegendes Besteck und Zuckerstreuer, wüst geschwungene Handtaschen und schließlich ein brennender Polizeiwagen und Zeitungsstand.

Die Historikerin Susan Stryker arbeitete im Jahr 2005 die Ereignisse jener Nacht in dem Dokumentarfilm „Screaming Queens“ auf. „Es war das Debüt der Trans*Community auf der Bühne der amerikanischen Politikgeschichte“, sagte Stryker dem US-Sender NPR in einem Interview im Jahr 2015. „Und der erste bekannte gemeinsame und wehrhafte queere Widerstand gegen die Schikanen der Polizei in der Geschichte der USA.“
Das war drei Jahre vor Stonewall.

Der weitaus prominentere Aufstand im Sommer 1969 in der New Yorker Christopher Street gilt gemeinhin als das erste rebellische Aufbegehren schwuler Männer und als die Geburtsstunde der queeren Emanzipationsbewegung schlechthin. Doch auch hier waren trans* Frauen und Drag Queens von Beginn an beteiligt. Als sich in den Jahren darauf die ersten Pride-Demonstrationen formierten, liefen sie auch hier in den vordersten Reihen mit.

Den Anschluss verpasst

Als die Bewegung aber kurz darauf über den Atlantik nach Europa und Deutschland schwappte, war sie schon größtenteils zur Bewegung von Schwulen und Lesben destilliert.

Während die schnell unübersehbaren Initiativen und Gruppierungen mit phantasievollen und markanten Aktionen in Erscheinung traten und Skandalfilme („Nicht der Homosexuelle ist pervers…“) die Republik echauffierten, blieb die Trans*-Emanzipation unmerklich immer weiter zurück, ihre Sichtbarkeit der Anfangstage verblasste zusehends.

1990 gründete sich in der damaligen DDR der Schwulenverband (ab 1999 Lesben- und Schwulenverband Deutschlands, LSVD). 1994 fiel der Strafrechtsparagraf 175, der homosexuelle Handlungen unter Männern unter Strafe stellte auch in der Bundesrepublik. Eingetragene Lebenspartnerschaften zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern wurden ab 2001 möglich. Im Jahr 2017 öffnete der Bundestag schließlich auch das Institut der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare.

Belange von Trans* in Deutschland

Seit dem ersten in 9.000 Kilometer Entfernung geworfenen Kaffeebecher ist nun über ein halbes Jahrhundert vergangen. Einziger Höhepunkt der politischen Berücksichtigung der Belange von Trans* in Deutschland war seither die Schaffung des Transsexuellengesetzes (TSG) im Jahr 1980. Seither kümmerte sich lediglich das Bundesverfassungsgericht in mehr als einem halben Dutzend Entscheidungen darum, die im Gesetz verankerten, teilweise menschenrechtswidrigen Regelungen wieder für unwirksam zu erklären.

Zwar liegen seit Kurzem Gesetzesinitiativen zur Ablösung des im Kern längst ausgehöhlten und medizinisch-wissenschaftlich überholten Transsexuellengesetzes vor, sind dabei aber letztendlich auf das Wohlwollen der Bundestagsfraktionen angewiesen, um Wirklichkeit werden zu können.

Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass der im Vergleich zu Lesben und Trans* überproportionale Organisationsgrad schwuler Männer Ende der 80er Jahre angesichts der furchtbaren Hochphase der AIDS-Epidemie schlichtweg aus der Not geboren war. Damals wurden die Fundamente für tragfähige Strukturen gelegt und jene weitreichenden Netzwerke geknüpft, die sich auch 30 Jahre später noch als politikfähig und durchsetzungsstark erweisen.

Im gleichen Zeitraum dieser drei Jahrzehnte blieben auch Trans* nicht untätig, geschweige denn unorganisiert. Hier lag der Schwerpunkt der Community-Arbeit indes im Wesentlichen auf der Selbsthilfe und dem Umgang mit dem Transsexuellengesetz. Dessen Anwendung in der Ursprungsfassung war mit erheblichen Hürden verbunden. Besonders in der Zeit vor dem für die breite Masse verfügbaren Internet war umfassende Beratung notwendig, ohne die oft nur schwer an Informationen zum Verfahren und seinen Fallstricken zu gelangen war.

Zeitraffer*innen

Wann genau der Startschuss fiel, lässt sich nur unscharf erkennen. Es muss zu Beginn dieses Jahrzehnts gewesen sein. Offen ist auch, weshalb nach Jahren der Stagnation auf einmal im fliegenden Start eine trans*-emanzipatorische Aufholjagd in allen Facetten begonnen hat. Dabei bekommt sie Rückenwind von der vor wenigen Monaten im Bundestag gefallen Entscheidung, die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare zu ermöglichen.

Nachdem sich der Staub des jahrelangen Ringens darum gelegt hat, haben Lesben und Schwule wieder Gelegenheit sich umzuwenden, um nachzusehen, wo denn die anderen geblieben sind, mit denen sie vor 50 Jahren einmal gemeinsam gestartet waren.

Doch schon seit einiger Zeit haben Trans* zunehmend an medialer Sichtbarkeit gewonnen. Allerdings von einem niedrigen Niveau aus, auf dem sie lange Jahre nur selten ohne Verbindung zu Sex, Crime und Exotik vorkommen durften.

Nun gibt es deutschsprachige Filme, die von trans* Männern handeln und die nicht nach Mitternacht auf Arte mit gelben Untertiteln gezeigt werden, sondern im regulären Abendprogramm der beiden großen öffentlich-rechtlichen Sender. Trans* Frauen dürfen in Casting-Shows antreten. Anders als in den Niederlanden, wo es bereits eine trans* Siegerin gab, werden Trans* hierzulande allerdings nur ein paar Runden vorgezeigt um dann wieder rauszufliegen. Soweit ist man dann doch noch nicht.

Abschaffung des Transsexuellengesetzes

Auch in queerpolitischen (also vorwiegend lesbisch-schwulen, denn wo sitzen schon tatsächlich auch trans*, inter*, bisexuelle und genderqueere Menschen gleichzeitig mit am Tisch?) Arbeitskreisen war nun gelegentlich die Vokabel “Transgender“ zu vernehmen. Und bald wurde sie sogar so gebraucht, dass man den Eindruck gewinnen konnte, dass eine vage Vorstellung von der Wortbedeutung vorhanden ist. In noch jüngerer Zeit wird immer öfter die Reform beziehungsweise Abschaffung des Transsexuellengesetzes als nächste große Baustelle der Regenbogen-Community benannt. Und das ist wichtig, denn der Status Quo zeigt, wie weit eine kleine Minderheit ohne Verbündete mit ihren Anliegen kommt: Nicht weit.

In der Zwischenzeit schicken sich vereinzelt Trans* in Deutschland an, auch in den Parlamenten anzukommen und hier und da gelingt es bereits wenn auch bislang nur auf kommunaler Ebene. In anderen Ländern der westlichen Welt sind sie schon länger Teil der legislativen Parlamente und in den USA etablierte sich die 27-jährige Sarah McBride als engagierte Unterstützerin von Hillary Clinton im Wahlkampf um das Weiße Haus, so dass auch auf unserer Seite des Atlantiks darüber berichtet wurde.

Ikone der amerikanischen Trans*-Community

Ein Jahr zuvor hatte bereits die afro-amerikanische trans-Schauspielerin und LGBT*IQ-Aktivistin Laverne Cox vom Cover des renommierten TIME-Magazins geprangt und sich damit in eine Reihe mit Marilyn Monroe, Albert Einstein, Elizabeth II. und Barack Obama gestellt.
Laverne Cox war allerdings nicht durch Zufall auf das Deckblatt geraten sondern durch ihre Darstellung der inhaftierten trans* Frau Sophia Burset in der Netflix-Serie „Orange Is The New Black“ beinahe über Nacht zu einer Ikone der amerikanischen Trans*-Community geworden. Anders als die weiße und wohlhabende trans* Frau Caitlyn Jenner, die man in den USA aus einer Reality-Soap kannte und die einige Zeit später das Magazin „Vanity Fair“ zierte, repräsentiert Laverne Cox jedoch einen Teil der Bevölkerung, trans* People of Color, der in den USA besonders häufig von Diskriminierung, Arbeitslosigkeit, Gewalt und Obdachlosigkeit betroffen ist. Auf ihrem Tumblr-Profil schreibt Cox deshalb, dass sie sich bewusst sei „Privilegien zu genießen“ über die die meisten Trans* nicht verfügten und zudem „cisnormative Schönheitsideale zu verkörpern“, die vielen anderen verwehrt blieben.

Gut möglich, dass auch ein deutschsprachiges Nachrichtenmagazin eine trans* Person auf dem Titel zulassen würde. Aber wen?

Neue Sichtbarkeit als Chance

Nun darf man sicherlich nicht jede Laune der US-Popkultur als politisches Manifest fehlinterpretieren. Vieles davon ist oberflächlich, profitorientiert und vorübergehend. Doch die dahinterliegende Grundstimmung der neuen Sichtbarkeit von Trans* in Medien und Politik überträgt auch trans*positive Schwingungen nach Europa. Dort wo sie sich mit den hiesigen Entwicklungen und Tendenzen überlagern, kann daraus eine hörbare Vibration werden und Dinge in Bewegung setzen.

So sind beispielsweise in den letzten Jahren in mehreren Bundesländern sogenannte Aktionspläne für Akzeptanz und Vielfalt entstanden und mit Fördermitteln hinterlegt worden. Auch das Bundesprogramm „Demokratie leben“ fördert zivilgesellschaftliche Akteure. Die neue Sichtbarkeit in den Medien hilft Trans*-Initiativen auch ohne extensive Selbstvermarktung und Sponsoring Zugang zu finanzieller Unterstützung für die Weiterentwicklung ihrer politischen Arbeit und dringend benötigte Community-, Selbsthilfe- und Weiterbildungsprojekte zu erhalten.

Unterstützung für Weiterbildung

Wo es Fördertöpfe gibt, entstehen naturgemäß aber auch Begehrlichkeiten. „Irgendwas mit Trans*“ zu machen darf aber kein Selbstzweck sein und die Einrichtung von Doppelstrukturen während in der Fläche dezentrale Angebote fehlen und manche Trans*-Lebensbereiche fast komplett unerschlossen bleiben, zeigt wie sehr gewachsene Überbauten durch Trans*-Selbstorganisationen in den letzten Jahren gefehlt haben. So sind die Seminare zur Ausbildung von Trans*berater_innen regelmäßig ausgebucht. Derweil findet Peer-to-Peer-Sozialarbeit um trans* Menschen aus ihrer sozialen Isolation zu helfen und Betreuung von trans* Sexarbeiter_innen so gut wie nicht statt.
Diese Ungleichzeitigkeit in der Entwicklung ist auch deshalb bedenklich, weil die Höhe der Fördermittel grundsätzlich von der politischen Wetterlage abhängig ist und damit erheblich schwanken kann. Wer in schlechten Zeiten übrig bleibt, entscheidet aber bekanntlich nicht immer der tatsächliche Bedarf sondern auch die Selbstbehauptungsfähigkeiten der Akteur_innen.

Auf Erfahrungen der Trans*-Vorreiterorganisationen zurückgreifen

Auch schwule Initiativen haben über die Jahre ihre Angebote angepasst, weiterentwickelt und die nicht tragfähigen eingestellt. Bedarfe und die eigene Leistungsfähigkeit richtig einzuschätzen ist bei unscharf abzugrenzenden und statistisch kaum erfassbaren Zielgruppen immer eine Herausforderung, die nun auch der Trans*-Bewegung bevorsteht. Dabei kann sie nicht nur auf die Erfahrungen der wenigen Trans*-Vorreiterorganisationen und ihrer Akteur_innen zurückgreifen. Denn wenn die Trans*-Initiativen nun eine ähnlich dynamische Entwicklung erleben wie seinerzeit die Schwulenorganisationen, können sie dabei viel von deren Fehlern und Erfolgen in Fragen von demokratischer, praktikabler Selbstorganisation, Netzwerken und Rollenvorbildern übernehmen.

Die provakante Aussage „trans* ist das neue schwul“, die hier und da von LGBT*IQ-Aktivist_innen geäußert wird, ist aber trotzdem zu schlicht gefasst. Denn viel zu heterogen sind die Ansprüche und Bedürfnisse von Trans*. Und auch innerhalb der Community liegen die Lebensrealitäten und Perspektiven deutlich weiter auseinander.

Wenn der Slogan implizieren soll, dass in der Gesellschaft mehr Offenheit gegenüber Trans* entstanden ist und dass auch in der Community eine gewisse Aufbruchsstimmung besteht, dann ist das der Beobachtung nach nicht von der Hand zu weisen.

Trans* ist deshalb aber trotzdem nicht das neue schwul. Wenn, dann ist Trans* ist vielmehr das neue Trans*.

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